Spengung der Christuskirche vor 48 Jahren am 12. August 1971

Ansprache beim Gedenken am Mahnmal am Montag, dem 12. August 2019
Was will uns Gott durch dieses Ereignis sagen?

Pfarrer Dietmar Wellenbrock, Pfarrer der großen Herz-Jesu-Gemeinde, hat mich gebeten, heute an diesem Gedenkort zu Euch/zu Ihnen zu sprechen, weil ich seit 1946 eng mit der Christuskirche verbunden bin. Damals kam ich mit vielen Flüchtlingen hier nach Rostock. Und wir suchten eine katholische Kirche für den Sonntagsgottesdienst. Ich erinnere mich: vom Lager aus Dierkow kommend suchten wir nach einer Kirche. Wir suchten daher nach einen Kirchturm: zunächst Marienkirche, dann Gebäude mit 7 Türmen (Rathaus) und landeten schließlich am Schröderplatz, also hier. Wir fanden aber keine Kirche, sondern einen Trümmerhaufen von einer Kirche, dahinter eine Notkirche.
Die Christuskirche in Rostock am Schröderplatz war die größte katholische Kirche, die nach der Reformation in Mecklenburg am 24.10.1909 eingeweiht worden ist.
Am 11. April 1944 ist hat sie gewaltige Bombentreffer erlitten.
8 Menschen hat es im Keller dieser Kirche tödlich getroffen: 3 Priester, 2 Ordensschwestern 1 Gemeindereferentin und 2 Laien.
Die Glaubenskraft der durch die Vertriebenen inzwischen stark angewachsenen großen Gemeinde hat die Kirche in atemberaubendem Tempo wieder aufgebaut, so dass sie bereits am 11. Mai 1947, also 2 Jahre später, ihren ersten Gottesdienst darin feiern konnte. (Am 17. Oktober 1948 war die Wiedereinweihung durch Bischof Wilhelm Berning, am 15. Mai 1949 die Konsekration des Altares.)
Bis zum 12. August 1971, dem Tag der Sprengung durch die kommunistischen Machthaber, haben unzählige Menschen in dieser Kirche gebetet, Gottesdienste gefeiert.
Viele Menschen sind dort getauft und gefirmt worden, haben dort die erste hl. Kommunion empfangen und sich das Eheversprechen gegeben.
Mehrere junge Männer sind zum Priester geweiht worden, so auch ich am 21. Dezember 1962.
Für viele Verstorbene ist in dieser Kirche das Requiem gefeiert worden.
Der kürzlich verstorbene evangelische Pastor Willi Passig hat Recht, wenn er in einem Zeitungsartikel feststellte, dass die Sprengung dieser Kirche eine Wunde im Zentrum unserer Stadt Rostock gerissen hat.
Heute ist der 48. Jahrestag der Sprengung dieser Kirche durch die kommunistischen Machthaber. Wir wissen: Es ging diesen kommunistischen Machthabern letztlich nicht um den Baukörper Kirche bei dieser Sprengung, sondern man wollte den Glauben der Menschen aus ihren Herzen sprengen!
Wenn wir uns heute daran erinnern, haben wir uns am bescheidenen Mahnmal zur Erinnerung an diese Kirche versammelt. Es ist nicht der direkte Ort, an dem diese Kirche stand. Dort auf diesem Grundstück steht das Motel One. Diese Eigentümer sind uns sehr verbunden, indem sie den Grundriss dieser Kirche im Fußboden ihres Hotels und auf dem angrenzenden Bürgersteig deutlich eingelassen haben. Dafür sind wir sehr dankbar, weil sie uns in unserer Erinnerung an diese Kirche stärken. Neben dem Grundstück dieser Kirche haben wir uns versammelt, in dem wir uns erinnern lassen an die Sprengung dieser Kirche.
Aber: Uns geht es hier nicht in erster Linie darum, uns erinnern zu lassen, wie es damals war, was zur Sprengung geführt hat. Sondern im Angesicht Gottes fragen wir uns: Was wollte und will Gott uns durch dieses schlimmen Ereignis der Sprengung unserer großen katholischen Kirche am Schröderplatz sagen?
Ich meine, auf diese Frage folgende drei Antworten herauslesen zu können:

1. Die erste Antwort: Das Kirchengebäude, jedes Kirchengebäude ist der Ort der intensivsten Begegnung Gottes mit den Menschen.
Das sagt sich so leicht. Aber was heißt das denn eigentlich?
In unserer sehr laut gewordenen Welt ist es schwer geworden, einen ruhigen Ort zu finden, an dem wir uns auf das Eigentliche, den Sinn unseres einmaligen Lebens besinnen können. Und doch suchen wir diese Stille. Für mich ist immer wieder erstaunlich, wie viele Menschen an vielen Orten hier in Mecklenburg bis in die kleinsten Dörfer bemüht sind um ihre Kirchen. Sie dürfen nicht verschwinden. Viel Mühe wird dafür aufgewandt. Deutliche Zeichen dafür, dass trotz der vielen Konsumtempel die Kirchen nicht verschwinden dürfen, weil wir Menschen auf der Suche nach dem Sinn des Lebens sind.
Daher erinnern wir uns heute an diesem Ort, wo viele Menschen hier einen Ort der Stille zur Besinnung gefunden haben. Ein Ort der Begegnung des Menschen mit Gott. Und dafür sind wir dankbar!
Denn: Der Mensch braucht konkrete Orte, an denen er Gott besonders begegnen kann!

2. Die zweite Antwort/Aussage, was Gott uns durch die Sprengung der Kirche sagen will:
Die alte Christuskirche stand am Schröderplatz, unübersehbar für die vorbeigehenden Menschen. Und unübersehbar waren die Menschen, die zu den Gottesdiensten die Kirche besuchten. 6 Gottesdienste an jedem Sonntag!
Als Ersatz für diese Kirche ist nach der Sprengung eine neue Kirche mit einem Gemeindezentrum am Häktweg entstanden.
Mit dieser neuen Kirche ist eine große Veränderung eingetreten. Sie steht nicht mehr an einem großen Platz im Zentrum. Besucher der Stadt Rostock haben große Mühe, diese Kirche zu finden. Sie steht im Verborgenen, abseits vom Zentrum.
Ich frage: Will uns Gott durch diesen neuen Standort nicht auf etwas in dieser Zeit sehr Wichtiges für die Kirche und für uns Christen aufmerksam machen?
Wir Christen als Kirche stehen heute in unserer Umwelt und in der Gesellschaft längst nicht im Mittelpunkt, im Zentrum des Lebens der Menschen! Oft wird die Stimme der Kirche und der Christen nicht gehört. Wir müssen uns schon sehr anstrengen, unserer Stimme Gehör zu verleihen. Vgl. Kriege, Benachteiligung der Leistungsschwachen usw.
Das sollte uns aber nicht nur traurig machen, sondern ich bin fest davon überzeugt, dass Gott uns damit sagen will: Eine Kirche im Verborgenen ist besonders für die Menschen da, die keine Stimme haben, für die Benachteiligten in unserer Gesellschaft, für die Armen, für die Altgewordenen, für die Einsamen usw.
Es gibt viele verborgene Nöte. Haben wir da nicht als Christen enorme Aufgaben, die wir wie unsere neue Kirche hier gleichsam im Verborgenen leben?
Ich meine, die Stimme Gottes am neuen Standort herauszuhören: Seid (fühlt euch) verantwortlich besonders für die wenig beachteten Mitmenschen und ihre verborgenen Nöte!

3. Und eine dritte Aussage Gottes meine ich von der Sprengung der alten Christuskirche herauslesen zu können:
Damals vor der Sprengung der alten Kirche haben viele Menschen dagegen protestiert und sich gewehrt und dadurch große Nachteile erfahren. Warum haben sie das getan?
Weil sie mit der Kirche gelebt haben, d. h. weil sie eine enge Verbindung zur Kirche als Glaubensgemeinschaft hatten, weil ihnen Gott sehr wichtig war.
Und wenn wir uns beobachten, die wir die alte Christuskirche noch erlebt haben: Stellen wir da im Rückblick nicht fest eine große Verbundenheit? Warum? Weil wir uns dieser Kirche sehr eng verbunden fühlten. Sie bedeutete uns etwas!
So meine ich, die Stimme Gottes an diesem neuen Standort für uns herauszuhören: Haltet enge Verbindung mit der Kirche! Gemeint ist die Kirche als Gemeinschaft der Glaubenden! Und welche Zuversicht und Hoffnung haben wir?
Christus sagt: „Ich bin bei euch alle Tage bis zum Ende dieser Welt!"
Sehr deutlich vor Augen geführt hat diese Zusage Christi ein Schaukastenplakat damals vor der alten Christuskirche. Drei Gräber waren darauf zu sehen. Auf den Grabsteinen standen die Namen Karl Marx, Lenin und Stalin. Und die Überschrift hieß auf diesem Plakat: „Hier ruhen die Leiber derer, die den Untergang der Kirche vorausgesagt haben!"
Der Schaukasten wurde sofort zerstört, die alte Kirche später gesprengt – aber der Glaube lebt weiter in den Herzen der Menschen!
(Prälat Josef Michelfeit) ­

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